CategoryTagebuch

Wut, Schuld, Erkenntnis

Die letzte Zeit gleicht eher einer Achterbahnfahrt mit schnellen, steilen Abfahrten und nur hier und da mal ein kurzer Halt auf einer kleinen Erhöhung.

Gespräche an der Schule, mit Helfern vom IfD (Integrationsfachdienst) oder einem autismusspezifischen Berater vom Jugendamt verliefen eher erfolglos.

Immer wieder wird uns die Krankheit Autismus vor Augen gehalten und was ein Autist alles nicht kann und doch dringend erlernen muss, um in der „normalen“ Welt klar zu kommen.

Ich muss gestehen, seitdem diese Helfer uns zur Seite stehen, habe  ich einen Autisten zu Hause habe und der Mensch verschwand mehr und mehr.

Erst ging es mir gut, ich konnte mal mit Menschen reden, die meine Tochter verstehen. Es entwickelte sich auch einiges, meine Tochter bekam einen Nachteilsausgleich und gemeinsam gingen wir auf die Suche nach einer neuen Schule. Aber mehr und mehr bekam ich einen dicken Knoten im Magen während der Gespräche und sah einem solchen Termin nicht mehr freudig entgegen.

Es ging nur noch darum, was an ihr verändert werden muss und wie man einen Autisten Sozialkompetenz beibringen kann. Das ein Autist dies und das aushalten muss, nicht immer wie ein rohes Ei behandelt werden kann und das ein Autist sich den Anderen anpassen muss, weil nur so eine integrative Beschulung statt finden kann.

Langsam wurde mir klar, dass diese Hilfe nur greifen kann, wenn sich der Autist bereit erklärt zu verändern. Dies ist meiner Tochter aber nicht mal so eben möglich und sie will sich auch gar nicht verändern.

Sie empfindet ihr Leben auch ohne Smalltalk,  gemeinsamen Kuchenessen in der Schule oder einer Gruppenzugehörigkeit als lebenswert.

Nach dem letzten Schulgespräch mit Lehrern und allen Helfern wurde es mir dann klar. Ohne eine weitgehend perfekte soziale Anpassung will man sie nicht akzeptieren und wieder in die Regelschule integrieren. Nach dem Gespräch hielt meine Tochter mir wütend meine „Fehler“ vor Augen und meinte sogar, dass auch ich sie nicht mehr verstehe und alles falsch sehe.

Ich war erschüttert, wo ich sie doch in ihrem „So-Sein“ voll akzeptiere und auch immer unterstütze. Nach und nach wurde mir klar, dass ich nicht  mehr allein den Menschen, meine Tochter, sah, sondern einen Autisten mit Fehlern.

Der Knoten im Bauch löste sich auf und verwandelte sich in Wut auf mich selbst, Wut auf die Helfer und Lehrer. Ich brauchte ein paar Tage, bis die Wut verrauchte und mir klar wurde, dass sich hier alles um einen Menschen dreht, mein Kind, das so ist, wie es ist und nicht ständig verändert werden muss. Das wusste ich alles vorher, aber ich habe mich tatsächlich von den Helfern mitreißen lassen. Der Gedanke „nur ein angepasster Mensch kann seine Ziele im Leben erreichen“ hatte auch von mir Besitz ergriffen.

Alles Quatsch! Natürlich ist es auch anders möglich, es gibt viele Wege sein Ziel zu erreichen ohne sich anderen gänzlich anpassen zu müssen. Es wird meist nur sehr schwer den richtigen Weg zum Ziel zu finden. Daher war ich auch anfangs froh über die Helfer. Ich dachte sie helfen den richtigen Weg für sie, in ihrem „So-Sein“ ohne große Veränderungen und Anpassungen, zu finden. Jedoch sind sie nur dafür da um uns aufzuzeigen, wo ihre Fehler sind und was sie ändern muss, damit sie sich der Gruppe, den „Normalen“, anpasst.

Wir Menschen sind „Herdentiere“, benötigen die Gruppe um uns sicher zu fühlen und können nur in der Gruppe und mit der Gruppe wachsen. Diejenigen, die sich nicht der Gruppe anpassen können oder wollen, stehen im Abseits, was aber nicht auch gleichzeitig bedeuten muss, dass sie nicht wachsen können und nie zu ihrem Ziel kommen.

Es gibt genügend Menschen im „Abseits“, welche Großes vollbracht haben. Immer waren ihre Wege aber mit Missgunst anderer oder früher sogar Verfolgung gepflastert.

Schon schade, dass die Mehrheit anders denkende Menschen nicht akzeptieren kann oder will.

Allgemeine Info

Ich möchte nun ein Tagebuch hier anlegen, was über mein Leben, die Freude aber auch das Leid berichtet, wie auch meine Erfahrungen im Umgang mit meiner Asperger-Tochter mit mir und der Umwelt.

Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich von einem anderen Stern, ja gar aus einer ganz anderen Galaxis und niemand versteht worum es uns geht, was wir erhoffen / erreichen wollen oder was wir fühlen.

Ich bin in Foren und Gruppen bei Facebook, lese das es manchen so geht wie uns aber dann auch anderen wieder ganz anders.

Ja, so ist der Autismus, der Asperger Autismus, er ist wie ein Farbspektrum, wo eine Farbe in die andere übergeht, nicht klar abgrenzbar.  Und was für NT´s (Neurotypische,  also „normale“ Menschen) kaum fassbar ist, ist dass das Gehirn hier und da völlig anders funktioniert.

Meine Tochter (15J.) hatte  es letztens mal so beschrieben „“Mein Hirn ist wie ein Browser, mit 15 geöffneten Tabs, 9 davon sind inaktiv, in den anderen lese ich wechselnd und/oder schreibe. Dann ploppen plötzlich diese blöden PopUps auf  und wo verdammt kommt plötzlich diese Musik her“.

Bei ihr ist es so, dass ständig tausende von Gedanken in ihrem Kopf kreisen und sie sich vor allem durchs lernen in der Schule fokussieren kann. Soziale Interaktionen außerhalb der Schule fallen ihr sehr schwer, da sie dann praktisch „schauspielern“ muss, um sich weitgehend „normal“ zu verhalten. Innerhalb der Schule bekommt sie das ganz gut hin und außerhalb auch, sofern es sich um irgendein Thema handelt bei dem sie sich weiterhin fokussieren kann. Somit sind Gruppenaktivitäten wie Mannschaftssport für sie nicht möglich und bei Treffen mit Freunden handelt es sich entweder um einen netten Kinobesuch oder es wird gemeinsam am PC oder der Konsole „gezockt“.

In der Grundschule kam sie kaum zurecht, ich wusste zu dem Zeitpunkt auch noch nicht was mit ihr los war. Schnell merkte ich aber, dass es kein aufsässiges Verhalten von ihr war, da sie vom Grund her ein herzlicher, ehrlicher und hilfsbereiter Mensch war/ist. Ständig eckte sie an, musste ein 3-jähriges Mobbing-Martyrium aushalten und mir sagte man nach, ich erziehe falsch.

In der 5. Klasse verschlimmerte es sich und sie kam für einige Monate in eine psychologische Tagesklinik, wo sie auch das erste mal diagnostiziert wurde.  Heraus kam 2012 ADS ohne Hyperaktivität mit autistischen Zügen, Hinweisen aufs Asperger Syndrom.

Mit Hilfe des dortigen Psychologen wurde ein Übergang in eine andere Regelschule geschaffen, wo sie in eine sogenannte I-Klasse kam. Zu Beginn gab es auch dort viele Probleme, welche sich aber über 2 Jahre hinweg „verflüchtigten“. Eine spätere Teilung der Klasse in integrative Hauptschulklasse und normale Realschulklasse inklusive einer neuen Lehrerin machte uns beiden das Leben einfacher. Sie verblieb, trotzdem sie sehr intelligent war/ist, in der integrativen Hauptschulklasse.

Schnell wurden ihre Noten besser und besser, sie kam mit 2 Schulkameraden gut zurecht und machte ihren ESA Abschluss im Sommer 2016 mit einem Durchschnitt von 1,6.

Die letzten 2 Jahre waren echt fantastisch. Klar gab es hin und wieder mal Ärger in der Schule und auch zu Hause, aber ich habe über die Jahre hinweg mich auf ihr Asperger eingestellt, meine Erziehung und mich angepasst. Die 100%ige Diagnose für Asperger Autismus bekamen wir dann im Mai 2016. Dies musste sein, da meine Tochter weiterhin zur Schule gehen wollte. Sie will den MSA nachholen und dann auch noch das Gymnasium versuchen, was von den Lehrkräften unterstützt wurde. Dafür benötigen wir aber einen Nachteilsausgleich und weitere Hilfe, denn in der Pubertät wurde ihr Asperger leider schlimmer.

Ihr war es leider nicht möglich in eine andere Realschulklasse an der bisherigen Schule zu gehen, weil die dortigen Kinder sie immer gemobbt haben.  Somit begann die Suche nach einer neuen Schule, welche mit Asperger-Kindern zurecht kommt.

Unser erneuter schulischer Leidensweg begann.

Aber ich will hier nicht nur von schulischen oder privaten Problemen berichten, denn ich hoffe, dass es auch wieder schöne Momente in unserem Leben geben wird.

Ich komme sicherlich nicht täglich dazu hier etwas zu schreiben. Es wird eher hin und wieder „Momentaufnahmen“ geben, die eine Zusammenfassung von vergangenen Tagen, wie auch aktuellen schönen oder schrecklichen Momenten erzählen.

Ich werde auch versuchen meinen Blog hier mit mehr Info zu füllen, die Betroffenen wie auch Angehörigen hilfreich sein können.

LG

UzeMe

 

 

 

© 2017 KidJu

Theme by Anders NorenUp ↑